Frau Hansen ist dann auch mal weg...

Teil 2

Hm... also, das mit dem kurz fassen ist irgendwie wohl doch nicht so mein Ding. Übers Schreiben kommen die Details zurück ;-)

Tag 2: Der Morgen ist kühl und der Rucksack ist Hölle-schwer! Die Stöcke nerven mich, da sind wir noch keine 100 Meter unterwegs. Es dauert eine Weile, bis wir aus der Stadt heraus sind und endlich, endlich dann so richtig auf dem Camino sind (der natürlich auch durch Städte führt).

Die Schönheit des Camino erschließt sich einem vom ersten Augenblick an. Herrliche Landschaft so weit das Auge reicht. Ein Gefühl von Freiheit kommt in mir auf. Ich liebe ja dieses frische, kühle Wetter ohnehin sehr, doch hier, mit dieser Weite, bekommt das Gefühl dadurch noch einen schöneren Beigeschmack. Nach ca. 10 km landet mein erster Walking-Stock an einen Baum, woraufhin mich später eine leicht aufgebrachte spanische Pilgerin auf spanisch in Sachen Recycling (ich denke, sie meinte Müll) zurecht weist. Mir egal, ich hab sie ja nicht verstanden und so ganz unrecht hat sie auch nicht. Aber es war weit und breit kein Mülleimer zu sehen und ich musste das Ding ganz dringend los werden. Und vielleicht konnte es ja auch noch jemand anderes gebrauchen.

Heike, Karel und ich plaudern wild drauf los. Der Rucksack ist der Hammer und gewiss meine Prüfung schlechthin. Ich überlege, wovon ich mich unbedingt trennen muss bzw. möchte. Jedes Gramm zählt. In der Herberge in Ventosa beziehen Heike und ich das einzige Doppelzimmer, welches Heike im Vorfeld für uns gebucht hat. Die Herberge ist schön, die Herbergsmutter begrüßt uns freundlich auf deutsch und endlich kaufe ich dort meine Pilgermuschel für meinen Rucksack.

Wir freuen uns über das tolle Zimmer mit Bad, Handtüchern und Duschgel. Hier haben wir also definitiv schon etwas falsch geplant. Da wir vor hatten, möglichst nur in Notfällen in den Schlafsälen der Herbergen zu übernachten und ansonsten immer ein Doppelzimmer nehmen wollten, erschließt sich uns nicht wirklich die typische Atmosphäre in den Herbergen. Aber ehrlich gesagt, kann ich darauf auch verzichten; 20 Leute oder mehr in einem Schlafsaal, feuchte Klamotten, Schnarchen, nee, das muss ich nicht unbedingt freiwillig haben. So kann man denn unsere Reise durchaus als Luxus-Pilgern bezeichnen.

Wir haben mal wieder Hunger und suchen die einzige Bar im Ort auf. Dort spielen einheimische, alte Männer Karten, schauen Fußball auf dem großen Flat (ein Muss für jedes Lokal in Spanien), und beäugen die Pilger, die sich am Cafe con leche aufwärmen. Die Küche ist bereits zu, also bestellen wir mit jedem Rotwein eine Schale Olivas (auf die Gefahr hin, von Durchfall heimgesucht zu werden). An der Theke beim Bestellen höre ich von rechts plötzlich "deutsch" und komme mit Linda aus Aachen !! und Lukas aus Südtirol ins Gespräch - unsere Wege kreuzen sich dann immer wieder, witzig! Bin sehr gespannt, ob ich Linda einmal in Aachen begegnen werde :-). Lukas ist für mich der personifizierte Jesus, der auf Stippvisite auf der Welt unterwegs ist; er läuft nicht mit Wanderschuhen und sonstiger Outdoor-Ausrüstung über den Camino sondern in ziemlich ausgelatschten Vans und einem Indio-Poncho oder so ähnlich! Der kleine, tätowierte und gepiercte Südtiroler strahlt immer und hat immer einen weisen Spruch parat. Unglaublich, welche Positivität von ihm ausgeht.

Karel erzählt uns dann von seinen Theaterstücken, er ist Laiendarsteller. So sehr wir bis dahin auch gelacht haben, mussten wir mit einem Mal alle Drei weinen, um im nächsten Moment darüber auch schon wieder zu lachen. Ist es der Camino oder der Rotwein, der die Gefühle raus lässt? Später essen wir im einzigen, der Herberge angeschlossenen Restaurant, unser erstes Pilgermenu zum Preis von 10 Euro. Wir gehen früh ins Bett, denn morgen gehts früh weiter.

Ich schlafe gut in dieser Nacht und werde am Morgen um 6:30 Uhr von überaus angenehmen, koralen Gesängen geweckt, die durch das Treppenhaus der Herberge ertönen. Ich bin sicher keine Betschwester, aber auf solche Weise geweckt zu werden, das hatte wirklich was.

Tag 3: Unser heutiges Ziel heißt Sto. Domingo de la Calzada. Da die Bar so früh morgens noch geschlossen hat, laufen wir erst mal 10 km, bis wir im nächsten Ort eine Bar erreichen, wo wir frühstücken können. Das Wetter läßt wie immer zu wünschen übrig. Es ist kalt und der Wind pfeift konstant von vorne, egal, in welche Richtung man auch läuft. Irgendwann fängt es an zu regnen. Heute haben wir knapp 30 km vor uns. Der Weg zieht sich wie Kaugummi. Die von uns gesuchte Privatherberge gibt es nicht mehr, wie uns ein freundlicher Anwohner mit Händen und Füßen erklärt. Frust macht sich breit, der Weg heute war lang und die Rucksäcke schwer. Wir wollen nicht mehr groß weiter gehen. Es ist echt Scheiße, wenn das angepeilte Ziel nicht mehr existiert! Wir laufen noch einen Ort weiter, stoßen auf eine Bar, die einzige im Ort. Eine andere Herberge finden wir nicht. Eine freundliche irische Familie begleitet uns, sie kennen den Weg. Der erste Eindruck ist furchtbar! Kalt, unfreundlich, alt und brüchig und auf Grund der vielen Schuhe im Flur vermutlich auch schon voll. Nein, hier bleiben wir auf keinen Fall - da sind wir uns zum Glück alle einig. Also zurück zur Bar, wir haben schließlich Hunger und sind nass und durch gefroren. Doch wieder hat die Küche zu. Wir bekommen den letzten Teller Gemüsesuppe mit Brot und drei Löffeln. Selten war ein Teller Suppe und trockenes Weißbrot so lecker!

Wir versuchen, den Wirt dazu zu bewegen, uns ein Taxi zu rufen. Die 5 km bis Sto. Domingo schaffen wir nicht mehr zu Fuß - zu kalt, zu unmotiviert, zu hungrig. Doch der gute Mann verweist ständig nur auf eine Visitenkarte an seiner Pinnwand, wir sollen gefälligst selber anrufen. Sehr nett, wirklich. Er läßt sich nicht umstimmen und keiner von uns traut sich zu, dort anzurufen. Dann geht die Türe auf und unser rettender Engel in Form von Briony, einer ganz süßen Spanierin, ebenfalls pilgernd unterwegs, kommt herein. Sie spricht ein erstklassiges Englisch und erklärt sich sofort bereit, uns zu helfen. Sie bestellt nicht nur ein Taxi für uns, sondern bucht uns auch ein Zimmer bei den Zisterzienserinnen im Hostal. Wir sind glücklich!

Eine Stunde später verabschieden wir uns herzlich von Briony und sitzen kurz darauf im Taxi, das uns genau vor dem Eingang des Hostals absetzt. Hier erwartet uns die herzliche Freundlichkeit der Nonnen und endlich ein warmes, gemütliches Zimmer mit Bad, Handtüchern und natürlich Duschgel. Hier trenne ich mich von meinem Duschtuch und der Hälfte meiner Kosmetika, auch Heike lässt die ein oder andere Tube hier.

Am Abend gehts in die Stadt zum Essen des Pilgermenus II. Immer wieder laufen uns dieselben Mitpilger über den Weg. Nach dem Essen zieht es uns sofort ins Hostal, es ist einfach zu kalt, um die Stadt zu erkunden, derweil besucht Karel noch die Messe im Dom Sto. Domingos de Calzadas.

Am Morgen werden wir von Glockenläuten geweckt. Mit gepacktem Rucksack gehts zum sehr mageren Frühstück (Weißbrot, Kaffee mit zu viel Milch wie immer und Aprikosenmarmelade). Unser heutiges Tagesziel heißt Belorado. Karel wird sich heute von uns trennen, wir sind ihm zu langsam ;-)).

Tag 4: Stadtauswärts sehen wir viele Störche, die sogar klappern. Ein toller Anblick, so ein Storch in einem Nest auf einem Kirchturm. Bis zur nächsten Bar kommt Karel noch mit, dann verabschieden wir uns. Für Heike und mich auch ein neues Gefühl, denn bis dahin waren wir nur auf dem Zimmer alleine. Jetzt reden wir über Dinge, die Frau nicht unbedingt in Anwesenheit eines Mannes bespricht ;-). Unterwegs kommen wir plötzlich in ein Gewitter mit Hagelschauern. Der April zeigt sich von seiner allerbesten Seite, auch in Spanien. Nach ca. 25 km kommen wir in Belorado an. Die Herberge (mit Hotel) lachte uns unterwegs immer wieder von diversen Postern an, also zögerten wir nicht lange und nahmen uns dort ein Doppelzimmer. Leider entpuppte sich die Herberge als absoluter Blender, die Heizung war kalt, ebenso das Wasser, das aus den Hähnen kam. Es kostete mich enorme Überwindung, so verfroren wie wir ohnehin wieder waren, in die lauwarme Dusche zu steigen - fürchterlich! Also, eine schöne bunte Fassade verspricht nicht unbedingt ein warmes Inneres. Abends schlendern wir in den Ort und genehmigen uns das Pilgermenu III und sind auch an diesem Abend wieder früh im Bett, nach dem es im Barbereich noch einen Rotwein-Absacker gab. Auf der Leinwand wurde eine DVD über den Camino gezeigt - wunderschöne Impressionen, die Lust auf die nächste Etappe machten.

Tag 5: Nur allzu gerne verlassen wir die kalte Unterkunft und begeben uns bei ganzen 2 Grad Celsius um 8 Uhr auf den Weg, diesmal gehts nach San Juan de Ortega. Eine recht anspruchsvolle Etappe mit einigen Höhenmetern und einer über 12 km langen Strecke durch den Wald, ohne die Möglichkeit einer Einkehr, liegt vor uns. Der Camino schlängelt sich durch die Landschaft wie ein Lindwurm und an der letzten Einkehr vor dem 12 km Anstieg treffen wir erneut auf Linda und Lukas und trinken eine Cola. Wir kaufen noch ein Wasser, gehen noch mal auf die Pippibox und dann gehts auch gleich mit einem sehr knackigen Anstieg los. Unser Weg der optischen Täuschung, wie wir ihn nannten, bietet hinter jeder Kurve, an der wir meinen, es geht nicht mehr höher, einen weiteren Anstieg. Unglaublich. Heike ist von den Anstiegen recht bald demotiviert. Doch irgendwann muss es schließlich auch wieder runter gehen. Durch den kahlen Wald, der noch voll im Winterkleid steckte, erreichen wir irgendwann am Nachmittag den Ort San Juan de Ortega, der ganze 18 Einwohner hat. Die nächste Ortschaft wäre noch 3,5 km weiter, doch wir können und wollen nicht mehr weiter, bleiben dort und mieten uns ein schönes, nein, ein sehr schönes, Doppelzimmer mit Bad, Bidet und BADEWANNE!!! Doch erst ziehen wir fix unsere Galoschen aus, stellen die Rucksäcke in die Ecke und genehmigen uns zwei wohlverdiente Bierchen in der einzigen Bar im Ort, wo wir später auch zu Abend essen. Dies war übrigens der einzige Sonnentag, der uns natürlich prompt einen Sonnenbrand bescherte. Aber warm war es trotzdem nicht und der Wind pfiff auch wie immer mächtig von vorne.

Nach einem wohltuenden Bad aßen wir mit den beiden Polinnen Gocha und Nathalia, die jedoch seit Jahren schon in Edinburgh leben, zu Abend. Es war ein sehr interessanter Abend und die beiden waren sehr gesellige Tischgenossinnen, mit denen wir uns auf englisch sehr gut unterhalten konnten. Hier aßen wir zum ersten mal die traditionelle Morcilla, eine Spezialität dieser Region. Wirklich lecker, wenn man beim Essen vergisst, dass es Blutwurst ist.

Von San Juan de Ortega aus gehts am nächsten Tag zu unseren letzten Etappe, nach Burgos. Bis dahin sind es noch ca. 28 km, die vor uns liegen. In Burgos haben wir dann einen ganzen Tag zur Verfügung, bis es dann wieder zurück nach Hause geht. Dort treffen wir noch einmal auf Karel.

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